Blogbeitrag No 1

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Warum überhaupt fotografieren?

Wenn Sie sowieso nicht fotografieren wollen, würden Sie diese Zeilen jetzt nicht lesen, also: ertappt. Aber warum fotografieren wir eigentlich? Warum reichen dem einen ein paar halbwegs scharfe Bildchen pro Jahr als Erinnerung, während der andere mit teuren Apparaturen durch das Gelände zieht um seinen Sonnenuntergang einzufangen. Als ob es nicht schon genügend fotografierte Sonnenuntergänge gäbe, ein guter Bildband tut es doch auch.

Aber es ist nun mal der eigene ganz persönliche Sonnenuntergang, den wir festhalten wollen. Hier kommt der alte Trieb der Jäger und Sammler noch zum Vorschein und die Fotografie ist für beide Typen interessant. Selbst in grauer Vorzeit versuchten schon die Höhlenmenschen, Gesehenes festzuhalten und ritzten ihre primitiven Strichmännchen in den Stein oder schmierten mit blutigen Fingern Jagdszenen an die Felswand. Die stümperhafte Ausführung und der schlechte Wiedererkennungswert haben dann später irgendwann zur Erfindung des Fotoapparates geführt, denn auch die Gemälde im Mittelalter liessen in ihrer Realitätstreue zu wünschen übrig. Ausserdem war es schwierig, mit Palette und Pinsel Schnappschüsse zu erstellen. Auch frühe Erfindungen im letzten Jahrhundert hatten noch den Makel der Langsamkeit. Der Kopf des Porträtierten musste meist mit einem Metallbügel fixiert werden, damit das Bild nicht verwackelt und das Bild eines springenden Hirsches war schlichtweg unmöglich.

Der ewig unzufriedene und glücklicherweise erfinderische Mensch erfand daher die verschiedensten Geräte, die meist immer ein wenig besser waren als deren Vorgänger, ein Ende ist kaum abzusehen. Heute steht uns moderne Technik bis zum Abwinken zur Verfügung, fast alles ist machbar, manches ist auch einfach schon zuviel. Hat man sich aus diesem Überangebot erst eingedeckt, geht es ans Werk. Motive gibt es überall und reichlich, doch worauf die Optik nun gerichtet ? Vergängliches, zur rechten Zeit im Bilde festgehalten, kann später zum Quell ewiger Freude werden. Erstaunlicherweise lichtet der Fotoamateur im Urlaub Eiffelturm und Rialtobrücke ab, obwohl diese auch in 500 Jahren meist noch erhalten sein werden. Dabei achtet er meist darauf, kein "störendes Beiwerk" wie Touristen, Autos oder Andenkenläden mit drauf zu bekommen und amüsiert sich über den Japaner, der keine Sehenswürdigkeit fotografiert, ohne Familie oder Reisebegleitung in den Vordergrund zu stellen.

Früher habe ich auch gelacht, wenn mein Onkel mir seine Urlaubsfotos zeigte. Auf jedem zweiten Bild war seine Frau Staffage, aber nach vielen Jahren hatte diese Fotosammlung ihren ganz persönlichen Wert und war dann, da die Bilder handwerklich gut gemacht waren, auch für Außenstehende interessant. Ein bekannter Fotograf hat viel später einmal ein ganzes Buch mit Motiven vollgekriegt, wo außer Gott und der Welt jeweils ein rotes Sofa mit auf dem Bild war, warum also nicht die eigene Frau. Man sollte sich auch nicht vornehmen, immer das ultimative Superfoto machen zu wollen. Bei den besten Fotos weiß man im Moment der Aufnahme oft nicht, das speziell dieses nun ein Knaller wird, während "so ganz nebenbei" gemachte Bilder sich später als Glücksschuss herausstellen. Aber man sollte vielleicht darüber nachdenken, was einem das Foto in zehn Jahren und sogar noch in einem Vierteljahrhundert bedeuten könnte. Noch besser, wenn es auch anderen Menschen dann etwas sagt, auch wenn man meistens für sich selbst fotografiert. Ich kann mich heute jedenfalls ärgern, dass ich früher nicht ganz banale Motive aus meiner nächsten Umgebung gemacht habe, aus unserem Dorf, später am Arbeitsplatz und von den Nachbarn und Kollegen damals, die wären heute wirklich unersetzbar. Aber ich habe davon leider viel zu wenig gemacht, damals.

Seit einiger Zeit versuche ich es besser zu machen. Wer sich mal ältere Urlaubsfotos anschaut wird oft feststellen, das die Bilder mit den Freunden und Familienmitgliedern immer die "schönsten" sind. Über das kunstvoll komponierte Landschaftsfoto "Bergziegen vor dem Watzmann" blättert man hingegen flugs hinweg. Noch schneller blättert man über vier verschiedene Ansichten dieses Motivs hinweg. Ich kenne Leute, die von bestimmten Motiven so begeistert sind, dass sie diese mehrfach hintereinander ins Album kleben oder im Diavortrag hintereinander reihen. "Sind doch alle gut geworden" heißt es da, aber wer denkt schon an den armen Betrachter. Auch bei der Bildpräsentation ist weniger meistens mehr und man sollte etwas von der Kunst des Wegwerfens verstehen. Bevor wir etwas wegwerfen, sollte aber erst mal etwas zum Wegwerfen da sein und wenn möglich natürlich auch etwas zum Nichtwegwerfen.

 

Allzeit gut Licht wünscht

Erwin Krämer

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