Das Reich der toten Handschuhe

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Es war noch vergleichsweise früh am Tag, die Sonne versteckte sich hinter einem milchig trüben Wolkenvorhang. Zuhaus war auch nix los. Also ab in den Hafen, mehr ziel- und planlos, Hafen hinten eben. Sehen ob es was zu finden gibt, gucken wo es nix zu gucken gibt, finden wo es nix zu suchen gibt. Also nix. Alles schon so abgegrast, alles schon mal gesehen und fotografiert.  Was denn noch ?

Der richtig schöne Hafen, wie auf Fotos der 50er und 60er Jahre zu sehen, in zahlreichen Bildbänden zu bestaunen, weg, so weit weg. Verpennt die Zeiten, wo man einfach hätte rüberfahren können, auf die andere Seite, wo es noch Hafen gab, den Arbeitshafen. Aber man musste ja mit den Kindern Memory spielen, oder Geld verdienen, oder Fernsehgucken oder rumdröhnen.Aber die richtig guten Hafenfotos, die haben andere gemacht. Die dürfen wir heute bewundern im worldwideweb, Bildbänden oder Ausstellungen.  Man ärgert sich.         Wieso mache ich immer die falschen Fotos zur falschen Zeit ?

Also an trüben Februartagen zwanghaft durch den Hafen geturnt und wichtige Fotomotive suchen um sie der Nachwelt zu erhalten.  Aber was ???  Ich fahr dann mal nach Haus: Bilder bearbeiten, Sensor putzen, im WEB stöbern und so weiter. Auf dem Weg zum Fotofahrzeug dann im Rinnstein dieser Handschuh. Fast wäre ich drauf getreten, kaum zu erkennen dieser verdreckte, eklige, weggeworfene oder verlorene Handschuh. Irgendjemand hatte ihn hier verloren oder entsorgt, ein Arbeitshandschuh, benutzt, verschlissen und abgerissen. Im Rinnstein dämmerte er seiner finalen Bestimmung entgegen. Ich fand ihn auch ausgesprochen hässlich, niemand würde ihn lieben oder wertschätzen. Und keiner würde ihn fotografieren wollen.  Da im Hafen weiter hinten aber schon fast alles fotografiert worden war, dachte ich mir: Dieser Handschuh eben nicht, den liebt keiner, niemand würde sich ein Foto von ihm an die Wohnzimmerwand hängen. Ein unentdecktes Motiv, endlich.

Der trübe Sonntagmorgen hatte doch seinen Sinn. Ich konzentrierte mich voll und ganz auf den Handschuh, Es war gar so nicht so einfach, das Bekleidungsstück scharf und richtig belichtet auf die Speicherkarte zu bannen. Nach einigen Schüssen war ich der Meinung, nun müsse es auch gut sein. Zufrieden, den Blick an den Boden geheftet, zog ich weiter.  Schon wenige Meter weiter der nächste zerschlissene, achtlos liegengelassene Handschuh. Kaum von der Umgebung zu unterscheiden, krallte er sich mit letzter Kraft in die Ritzen eines unansehnlichen Betonbelags.  Als wollte er uns sagen: „Lasst mich nur, hier endet mein Weg. Ich habe es nicht besser verdient.“ Ich suchte noch den ganzen Weg nach seinem Pendent ab, aber es blieb bei dem Einzelexemplar. Nachdenklich trat ich den Nachhauseweg an.

Beim nächsten Hafenbesuch fand sich wieder nicht auf Anhieb das wahnsinnig tolle aussagekräftige und einmalige Hafenmotiv, das so noch nirgends zu sehen gewesen war. Man hat nicht immer Glück bei der Suche nach seltenen Motiven. Anwohner, Arbeiter und Passanten schauten etwas skeptisch hinter mir her. Aber das war ich schon gewohnt von den Mülleimern. Ich hatte einen gewaltig riesigen Mülleimer-Ordner auf meinem Desktop. Tausende beklebter, bemalter und verschraddelter Mülleimer warteten auf ihren Auftritt, aber das ist eine andere Geschichte.

Zwischen Norder- und Süderelbe unterwegs, auf der Suche nach den letzten Hafenresten. Buchheisterstrasse, Veddeler Damm, Reiherdamm, Peutte, hier und da stößt man auf Überreste vom Arbeitshafen.  Jedenfalls begegnete ich schon dem ein oder anderen erstaunten Zeitgenossen, der mich zufällig bei meiner Motivsuche ertappte.  Was macht der denn da ???          Wie der Terminator scannte ich das Gelände nach unansehnlichen Fundstücken ab. Rot illuminierte Zielquadrate irrten vor meinem Auge hin und her, auf und ab. Hin und wieder fokussierte eines der roten Rähmchen auf marode textile Fundstücke um dann doch weiter zu suchen. Doch da,  das rote Quadrat leuchtete heftig glimmend auf und signalisierte einen beachtlichen Fund. Tatsächlich, ein völlig vermodertes, kaum noch als Handschuh identifizierbares Textil verbarg sich gut getarnt neben der Zufahrt zu einem verwilderten Parkplatz. Und dort, noch einer und noch einer. Ich hatte ein bisher von der Öffentlichkeit vollkommen unbemerktes Handschuhvorkommen entdeckt.

Völlig begeistert begann ich mit der Hebung des Schatzes. Wenige Stunden später, es war eisig kalt und nebelverhangen, hatte ich sie alle im Kasten. Zufrieden packte ich die Kamera ein und fröstelte nach Haus ins rettende Basislager.  Nun daheim am Monitor erstanden sie wieder auf, die letzten Relikte des alten Hafens:

Der weiße Handschuh, zur Hälfte mit blauer Farbe getränkt und hunderte Male von parkenden LKW`s überfahren. Oder der einst weiße Wollhandschuh, leicht angeknickt mit einem Stinkefinger nach oben zeigend, als wolle er ein letztes Mal zeigen was er von seinem unachtsamen Besitzer hält. Dann der dunkelblaue Sporthandschuh, zur Faust geballt ringt er mit einem Holzlattenrest um einen Platz im Herbstlaub.  Ergreifend auch der zerfledderte Arbeitshandschuh, der nach jahrelangem harten Einsatz nun erschöpft in das Kieselbett eines vernachlässigten Bürgersteiges sinkt, sich mit Steinchen und Krümeln zudeckend. Oder der freche gelbe Gummihandschuh, der frivol alle Fünfe von sich streckt. Er hat es sich auf dem schwarzen Humus gemütlich gemacht, wo sein schrilles Gelb schon von weitem leuchtet. Nicht zu vergessen der blaue Handschuh, fröhlich winkt er mir zu: „Hallo, habt ihr mich nicht gesehen, hier bin ich!“ Gruselig dann der hautfarbene Handschuh, aufgedunsen als würde die Hand seines Herrn noch in ihm stecken, lugt er aus dem Rinnstein und scheint zu rufen: „Hilfe, rettet mich!“. Doch keiner erhört ihn. Die nächste Straßenreinigungsmaschine wird ihm den Garaus machen. Besonders hart hat es den Handschuh erwischt, der neben einem Bahngleis in feuchter Ölpampe neben Holzresten und einigen Kippen ums Überleben kämpft. Flach ausgebreitet wehrt er sich gegen den Untergang im glibbrig schimmernden Nass. Aber es gibt kein Entrinnen. Fast alle Handschuhe sind einsame Kreaturen und losgelöst vom jeweiligen Zwillingshandschuh, welcher es sich womöglich in der Sitzritze eines LKW`s oder Kranführerstuhls gemütlich gemacht hat. Für immer getrennt, so spielt das Leben dem einsamen Hafenhandschuh bisweilen übel mit.

Ein Handschuh allein hatte aber keine große Wirkung. Erst die vielen herrenlosen, liegengelassenen, weggeworfenen und verlorenen Exemplare erzählen uns eine Geschichte, die noch längst nicht zu Ende ist.  In meinem Handschuh-Ordner ist noch Platz und ich bin weiter auf der Suche nach dem einsamen Hafenhandschuh. Wer hat ihn gesehen? Für sachdienliche Hinweise wenden Sie sich bitte an Bernd Nasner direkt.

Allzeit Gut Licht   wünscht   Bernd Nasner

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